- Wissen
- Quelle: Campus Sanofi
- 07.09.2026
Grippewelle und Lipidmanagement bei ASCVD

Inhaltsverzeichnis
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen Atemwegsinfektionen und Herzinfarktrisiko?
- Welche biologischen Mechanismen verbinden Infektionen mit dem Herzinfarktrisiko?
- Warum sind Patient*innen mit vorgeschädigten Gefäßen besonders gefährdet?
- Welche Rolle kann das Lipidmanagement neben der Grippeschutzimpfung spielen?
- Welche LDL-C-Zielwerte und Therapieoptionen empfehlen die aktuellen Leitlinien?
- Was bedeutet das konkret für die Praxis?
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Atemwegsinfektionen und Herzinfarktrisiko?
Der Zusammenhang zwischen Infektionswellen und einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit (Mortalität) ist seit Langem bekannt, erst präzisere Studiendesigns erlauben jedoch eine differenziertere Einordnung. Studienergebnisse zeigen, dass eine laborbestätigte Influenza-Infektion mit einem deutlich erhöhten Risiko für einen akuten Myokardinfarkt in den ersten Tagen nach Diagnosesicherung einhergehen kann – ein Effekt, der mit der Zeit nach der Infektion wieder abnimmt.1 Auch andere Infektionen, etwa bakterielle Pneumonien (Lungenentzündungen) oder Harnwegsinfekte, wurden in verschiedenen Studien mit einem erhöhten kurzfristigen Herzinfarktrisiko assoziiert.1,2 Für die Praxis bedeutet das: Infektionswellen sind nicht nur aus infektiologischer, sondern auch aus kardiovaskulärer Perspektive relevant – besonders für Patient*innen, die bereits eine atherosklerotische Gefäßerkrankung haben.
Welche biologischen Mechanismen verbinden Infektionen mit dem Herzinfarktrisiko?
Physiologisch gibt es mehrere Erklärungsansätze, die sich gegenseitig ergänzen können, ohne dass einer davon als allein ursächlich gilt.2
Wie eine Infektion das Herz zusätzlich belasten kann
Gefäßablagerungen enthalten selbst Zellen des Immunsystems. Kommt es an anderer Stelle im Körper zu einer akuten Infektion, werden entzündungsfördernde Botenstoffe freigesetzt, die auch diese Zellen zusätzlich aktivieren können.2 Dadurch kann sich an der betroffenen Stelle im Gefäß leichter ein Blutgerinnsel bilden, das den Blutfluss zum Herzen behindert – ein möglicher Auslöser für einen Herzinfarkt.2 Begünstigt wird dies zusätzlich dadurch, dass sich im Rahmen von Infektionen häufig auch die Gerinnungsfähigkeit des Blutes verändert.2
Ein erhöhter Sauerstoffbedarf kann das Herz zusätzlich belasten
Fieber und die allgemeine Entzündungsreaktion steigern den Stoffwechselbedarf des Körpers und erhöhen häufig die Herzfrequenz. Dadurch bleibt dem Herzen weniger Zeit, sich in der Erschlaffungsphase mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen – ein Ungleichgewicht zwischen Bedarf und Angebot, das insbesondere bei vorbestehenden Engstellen der Herzkranzgefäße relevant werden kann.2 Kommt es im Rahmen der Infektion zusätzlich zu einem verminderten Sauerstoffgehalt im Blut oder zu einem kreislaufbelastenden Krankheitsverlauf, kann sich dieser Effekt weiter verstärken.2
Warum sind Patient*innen mit vorgeschädigten Gefäßen besonders gefährdet?
Die Atherosklerose gilt heute als chronisch-entzündliche Gefäßerkrankung, bei der LDL-Cholesterin und andere Lipoproteine ursächlich beteiligt sind.3 Eine akute Infektion trifft damit auf ein individuell sehr unterschiedlich vorgeschädigtes Gefäßsystem – und genau das erklärt zumindest teilweise, warum das kardiovaskuläre Risiko nach einer Infektion nicht bei allen Menschen gleichermaßen ansteigt.
Bei Patient*innen mit bereits bestehenden, möglicherweise noch nicht klinisch auffälligen Ablagerungen kann eine zusätzliche entzündliche Belastung offenbar eher zu einer Destabilisierung führen als bei Menschen mit weitgehend gesunden Gefäßen. In Beobachtungsstudien zeigte sich ein erhöhtes Risiko tendenziell bei älteren Personen (> 65 Jahre) und Patient*innen mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes und Hypertonie, unabhängig von der Infarkthistorie.1
Welche Rolle kann das Lipidmanagement neben der Grippeschutzimpfung spielen?
Die Grippeschutzimpfung ist und bleibt ein zentraler Baustein der Prävention – auch mit Blick auf das Herz.2,4 Eine Impfung schützt jedoch nicht in jedem Fall vor einer Influenza-Infektion. Kommt es trotz Impfung zu einer Influenza-Erkrankung, die schwer genug verläuft, um ärztlich abgeklärt zu werden, kann das kardiovaskuläre Risiko in einer solchen Situation dennoch erhöht sein.1 Das unterstreicht, dass die Impfung eine wichtige, aber keine alleinige Schutzmaßnahme darstellt.1
Genau hier setzt das Lipidmanagement als ergänzende Strategie an: Es zielt nicht auf die Verhinderung der Infektion selbst, sondern auf die Reduktion des kardiovaskulären Grundrisikos, das bei akuten Belastungssituationen wie Infektionen zusätzlich zum Tragen kommen kann. Die 2025 aktualisierte ESC/EAS-Leitlinie unterstreicht, dass eine frühe und konsequente LDL-C-Senkung bei Patient*innen mit bestehender ASCVD in der Regel mit einem günstigeren weiteren kardiovaskulären Risikoverlauf einhergeht.3 Ein kontinuierliches, leitliniengerechtes Lipidmanagement bleibt daher unabhängig vom akuten Infektionsgeschehen ein zentraler Bestandteil der Sekundärprävention bei ASCVD-Patient*innen.3
Welche LDL-C-Zielwerte und Therapieoptionen empfehlen die aktuellen Leitlinien?
Die 2025 aktualisierte Leitlinie der europäischen Fachgesellschaften ESC und EAS formuliert für Patient*innen mit bestehender atherosklerotischer Gefäßerkrankung ein klares Prinzip: Je früher und konsequenter LDL-Cholesterin gesenkt wird, desto günstiger fällt in der Regel das weitere kardiovaskuläre Risiko aus.3 Hintergrund ist, dass das Risiko für ein erneutes Ereignis nach einem akuten Koronarsyndrom gerade im ersten Jahr danach besonders hoch ist.3 Die Leitlinie empfiehlt entsprechend, eine bereits bestehende lipidsenkende Therapie im Rahmen einer Krankenhausaufnahme wegen eines akuten Koronarsyndroms weiter zu intensivieren, und rät bei therapienaiven Patient*innen, die den Zielwert unter einem Statin allein voraussichtlich nicht erreichen werden, frühzeitig zu einer Kombinationstherapie.3,5
Risikoadaptierte LDL-C-Zielwerte für Hochrisiko-Patient*innen
| Risikokategorie | Typische Konstellation | Empfohlener LDL-C-Zielwert |
| Hohes Risiko | Z. B. familiäre Hypercholesterinämie ohne weitere Risikofaktoren | < 70 mg/dl (< 1,8 mmol/l) und ≥ 50 % Reduktion |
| Sehr hohes Risiko | Bestehende ASCVD (Sekundärprävention) | < 55 mg/dl (< 1,4 mmol/l) und ≥ 50 % Reduktion |
| Extrem hohes Risiko | Erneutes Ereignis trotz maximal tolerierter Statin-Therapie | < 40 mg/dl (< 1,0 mmol/l) und ≥ 50 % Reduktion |
Wird der risikoadaptierte Zielwert unter einer maximal verträglichen Statin-Dosis nicht erreicht, sieht die Leitlinie eine Ergänzung um weitere, nicht-Statin-basierte Therapieprinzipien mit belegtem kardiovaskulärem Nutzen vor – abgestimmt auf das Ausmaß der benötigten zusätzlichen Senkung sowie auf individuelle Präferenzen und Verfügbarkeit.3
Was bedeutet das konkret für die Praxis?
- Risikogruppen im Blick behalten: Ältere Patient*innen sowie Personen mit Diabetes, Hypertonie oder bereits bestehender ASCVD verdienen während der Infektionssaison besondere Aufmerksamkeit.1
Ergebnisse einer großen kanadischen Fall-Serien-Studie zeigen, dass ältere Patient*innen von der CV-Belastung durch respiratorische Infekte besonders betroffen sind: Das mediane Alter der Patient*innen, die nach laborbestätigter Influenza-Infektion einen Myokardinfarkt erlitten, lag bei 77 Jahren, und der Risikoanstieg fiel bei über 65-Jährigen tendenziell stärker aus als bei jüngeren Erwachsenen.1 In dieser Patient*innengruppe lagen zudem CV-Risikofaktoren gehäuft vor: 85 % hatten eine Hypertonie, 49 % einen Diabetes mellitus und 38 % eine Dyslipidämie, bei 24 % war bereits zuvor ein Myokardinfarkt aufgetreten.1 - Praxisnaher Tipp: LDL-C-Status als festen Bestandteil der Vorsorge etablieren: Der Beginn der Erkältungs- und Grippezeit kann ein guter Anlass sein, den aktuellen LDL-C-Wert mit dem individuellen, leitlinienbasierten Zielwert abzugleichen.3
- Therapieeskalation leitliniengerecht prüfen: Wird der Zielwert unter maximal tolerierter Statin-Dosis nicht erreicht, sollte eine Erweiterung der Therapie erwogen werden3 – unabhängig von der Jahreszeit.
- Aufklärung zur Impfung als Ergänzung, nicht als Ersatz: Patient*innen können darauf hingewiesen werden, dass Grippe- und Pneumokokken-Impfung wichtige, aber keine alleinigen Schutzmaßnahmen für das Herz-Kreislauf-System sind.1,2
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Nein. Ein relevant erhöhtes Risiko wurde vor allem im Zusammenhang mit Infektionen beschrieben, die schwer genug verlaufen, um ärztlich abgeklärt oder getestet zu werden – insbesondere Influenza (die echte Grippe) und Pneumonien (Lungenentzündungen).1,2
Die Impfung senkt nachweislich das Risiko einer Influenza-Infektion, kann eine Infektion aber nicht vollständig verhindern. Die Impfwirksamkeit gegen eine laborbestätigte Influenza-Infektion liegt bei Erwachsenen nur bei etwa 40–60 %.1 Diese begrenzte Effektivität bedeutet, dass eine Influenza-Infektion trotz Impfung auftreten kann (sogenannte Impfdurchbruchsinfektion). Kommt es zu einer solchen Infektion, die schwer genug verläuft, um eine Testung zu erfordern, ist das Risiko eines akuten Myokardinfarkts in den folgenden Tagen bei geimpften Patient*innen ähnlich hoch wie bei ungeimpften Patient*innen.1
Unabhängig von der Impfsituation bleibt die Kontrolle klassischer kardiovaskulärer Risikofaktoren wie erhöhtem LDL-Cholesterin leitliniengemäß relevant.3
Niedrigere LDL-C-Werte nach einem akuten Koronarsyndrom sind durchgängig mit weniger kardiovaskulären Ereignissen assoziiert.5 Je früher und konsequenter LDL-Cholesterin gesenkt wird, desto günstiger fällt in der Regel das weitere kardiovaskuläre Risiko aus.5
Die Leitlinie nennt für die Sekundärprävention einen Zielwert von LDL-C < 55 mg/dl (< 1,4 mmol/l) bei einer Reduktion von mindestens 50 % gegenüber dem Ausgangswert.3 Tritt innerhalb von zwei Jahren ein erneutes atherothrombotisches Ereignis unter maximal tolerierter Statin-Therapie auf, kann ein Zielwert von < 40 mg/dl (< 1,0 mmol/l) erwogen werden.3
Nein. Die Leitlinie führt Lebensstilmaßnahmen (Rauchstopp, mediterrane Ernährung, körperliche Aktivität) und die medikamentöse Lipidsenkung als zwei getrennte, gleichrangig empfohlene Bausteine der Sekundärprävention – nicht als Alternativen zueinander.3,5
Abkürzungsverzeichnis
ASCVD = Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung; ESC/EAS = European Society of Cardiology / European Atherosclerosis Society; LDL-C = Lipoprotein-Cholesterin niederer Dichte.
Zuletzt überprüft am 02.09.2026
Referenzen
- Kwong JC, Schwartz KL, Campitelli MA, et al. Acute myocardial infarction after laboratory-confirmed influenza infection. N Engl J Med. 2018;378(4):345-353. doi: 10.1056/NEJMoa1702090;
- Musher DM, Abers MS, Corrales-Medina VF. Acute infection and myocardial infarction. N Engl J Med. 2019;380(2):171-176. doi: 10.1056/NEJMra1808137;
- Mach F, Koskinas KC, Roeters van Lennep JE, et al. 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J. 2025;46:4359-4378. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf190;
- Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM, et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42:3227-3337. doi: 10.1093/eurheartj/ehab484;
- Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. Eur Heart J. 2023;44(38):3720-3826. doi:10.1093/eurheartj/ehad191.
MAT-DE-2603541-1.0-09/2026 | KI-unterstützter Inhalt