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Kardiovaskuläre Erkrankungen werden bei Frauen zu spät erkannt

Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (ASCVD) sind die häufigste Todesursache bei Frauen und Männern weltweit3,4 – und dennoch werden sie nach wie vor als primär männliche Erkrankung wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hat Folgen. Frauen werden später diagnostiziert, sie erhalten seltener präventive Therapien und ihre Prognose ist schlechter.1,2,5

Aktuelle Daten zeigen einen kritischen Trend. Die ASCVD-Mortalität nimmt weltweit weiter zu.3 Der schnellste relative Anstieg der ASCVD-Mortalität zeigt sich dabei bei Frauen mittleren Alters zwischen 45 und 64 Jahren.3,4

Risikoprofil von Frauen besser verstehen

Frauen und Männer teilen viele klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren, doch deren Auswirkungen unterscheiden sich erheblich.1,2,6 Neben sozial konstruierten Rollenbildern und erlernten Verhaltensmustern spielen auch biologische Aspekte, wie körperliche Merkmale, Genexpression, Anatomie und der Hormonspiegel eine wesentliche Rolle.6

  • Diabetes mellitus beispielsweise, erhöht das relative kardiovaskuläre Risiko bei Frauen stärker als bei Männern – relativ unabhängig vom Alter. 1,7
Erfahren Sie mehr über Typ-2-Diabetes und ASCVD

Frauenspezifische Risikofaktoren verdienen besondere Aufmerksamkeit 1,2:

  • Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen (inkl. Präeklampsie) und Gestationsdiabetes gelten als „risikosteigernde Faktoren" und sollten Anlass für eine frühzeitige kardiovaskuläre Risikoevaluation sein8
  • Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) ist mit einem erhöhten Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse assoziiert9
  • Vorzeitige Menopause (insbesondere primäre Ovarialinsuffizienz vor dem 40. Lebensjahr) ist mit einem signifikant erhöhten ASCVD-Risiko verbunden10

Darüber hinaus sind Frauen disproportional häufiger von chronischen Nierenerkrankungen betroffen, die ihrerseits einen eigenständigen Risikofaktor für ASCVD darstellen.11 Autoimmunerkrankungen (z. B. rheumatoide Arthritis) treten bei Frauen ebenfalls häufiger auf und sind mit einem erhöhten Risiko für vorzeitige ASCVD assoziiert.,1,2,12

Informationen zu Lipidmanagement bei CKD

Der Lipidstoffwechsel verändert sich im Lebensverlauf

Der Lipidstoffwechsel bei Frauen ist dynamisch und unterliegt über den gesamten Lebensverlauf hormonellen Einflüssen. 13,14,15,16,17,18

Kindheit und Adoleszenz

Bereits ab Geburt weisen Mädchen höhere Lipidwerte auf als Jungen – ein Unterschied, der sich durch die Adoleszenz fortsetzt.13 Dies führt zu einer kumulativ höheren Cholesterinexposition von Beginn des Lebens an. 

Reproduktive Phase und Schwangerschaft

Während des Menstruationszyklus variieren die Lipidwerte. Die höchsten Werte treten um die Ovulation auf.14 In der Schwangerschaft steigen Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin (LDL-C) um ca. 30 % und Triglyzeride um bis zu 50 % (in der 35.–42. Schwangerschaftswoche) an.15 Stillen wirkt sich günstig auf das Lipidprofil aus und ist bei einer Gesamtstilldauer von mehr als 12 Monaten mit einem reduzierten ASCVD-Risiko assoziiert.16 

Menopause

Mit der Menopause verschlechtert sich das Lipidprofil. LDL-C und Triglyzeride steigen an, während protektive Mechanismen durch den Östrogenabfall nachlassen. Östradiol hat protektive Effekte und beeinflusst den Cholesterintransport, die Gefäßfunktion und entzündliche Prozesse. Diese Effekte nehmen mit der Menopause ab.17

Familiäre Hypercholesterinämie zeigt Unterschiede in der Versorgung

Die familiäre Hypercholesterinämie (FH) macht Versorgungsunterschiede sichtbar: 18

  • Frauen mit FH werden im Durchschnitt 2,5 Jahre später diagnostiziert als Männer
  • Sie erhalten seltener maximale Statindosen oder Kombinationstherapien
  • Nur ca. 60 % der Frauen mit FH erreichen den LDL-C-Zielwert

Hinzu kommt die leitlinienkonforme und empfohlene Unterbrechung der lipidsenkenden Therapie während der Schwangerschaft und Stillzeit.19 Eine norwegische Studie mit Lipidmessungen über 12 Jahre zeigte, dass Frauen mit FH einen kritischen LDL-C-Schwellenwert (125 mmol/l-Jahr oder 5000 mg/dl-Jahr), der mit erhöhtem Herzinfarktrisiko assoziiert ist, bereits mit 33 Jahren erreichen – sieben Jahre früher als Männer mit FH.20

Hören Sie unsere Podcast-Folge zur FH

Lipoprotein(a) gewinnt nach dem 50. Lebensjahr an Bedeutung

Lipoprotein(a) (Lp(a)) ist ein kausaler Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen.19 Bis zum 50. Lebensjahr sind die Werte bei Frauen und Männern vergleichbar. Danach steigen sie bei Frauen an.21

Daten aus der Copenhagen General Population Study (> 70.000 Individuen) zeigen, dass erhöhte Lp(a)-Werte (> 40 mg/dl oder > 83 nmol/l) nach dem 50. Lebensjahr bei beiden Geschlechtern mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert sind.21

Da Frauen nach dem 50. Lebensjahr häufiger erhöhte Werte aufweisen als Männer, ist Lp(a) in dieser Altersgruppe bei Frauen ein relativ häufigerer kardiovaskulärer Risikofaktor. 21

Klinische Relevanz

Kardiovaskuläre Erkrankungen gehören bei Frauen zu den häufigsten Ursachen für Morbidität und Mortalität, werden jedoch im klinischen Alltag nach wie vor häufig später erkannt. Die beiden Positionspapiere der internationalen EAS und der deutschen DGK machen deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein Randphänomen handelt, sondern um eine strukturelle Herausforderung in der Versorgung.1,2

Mehrere Faktoren wirken zusammen - dazu zählen biologische Unterschiede, frauenspezifische Risikofaktoren sowie die dynamischen Veränderungen des Lipidstoffwechsels über den Lebensverlauf. Auch Defizite in Diagnostik und Therapie tragen dazu bei.1,2

Viele Risikofaktoren bei Frauen sind früh erkennbar. Eine strukturierte, lebensphasenbezogene Betrachtung ermöglicht eine frühere Identifikation von Risikopatientinnen.1,2

Erfahren Sie mehr zu den ESC-Leitlinien 2025

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Abkürzungsverzeichnis:

ASCVD = Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung, DGK = Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, EAS = European Atherosclerosis Society, FH = Familiäre Hypercholesterinämie, inkl. = inklusive, LDL-C = Low-Density Lipoprotein-Cholesterin, Lp(a) = Lipoprotein(a), PCOS = Polyzystisches Ovarialsyndrom

Diese Informationen ersetzen nicht die ärztliche Beratung. Konsultieren Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin.

Zuletzt überprüft am 17.05.2026

MAT-DE-2601924-1.0-07/2026